Samstag, 24. Mai 2014

Der Mann der sein Leben ermordete

Graphic Novel von Emmanuel Moynot (Szenario und Zeichnungen) nach einem Roman von Jean Vautrin



















Klappentext:
Es regnet an diesem 9. September, als Francois Frederic Frey, genannt F.F.F. aus dem Gefängnis kommt, in dem er drei lange Jahre saß, unter anderem wegen Sozialhilfebetrugs und gefälschter Rechnungen. Ein paar Schritte weiter versucht der Privatdetektiv Gus Carape mehr schlecht als recht, seine Zeit totzuschlagen, da seine Unfähigkeit, welche Fälle auch immer zu lösen, zu einem chronischen Mangel an Kundschaft im Büro seiner Detektei Spector führt. Noch etwas weiter versucht auch der alternde Kommissar Kowalski einmal in seinem Leben Erfolg zu haben, indem er Morales‘ Lagerhaus überwacht. Drei Schicksale, denen ein gewisses Pech, um nicht zu sagen Hoffnungslosigkeit gemeinsam ist. Doch erst auf der Autobahn von Bordeaux nach Toulouse werden diese drei Lebenswege sich wirklich kreuzen. Auf dem Programm: eine Leiche im Kofferraum, ein entlaufener Hund, eine eher idiotische als bösartige Verfolgungsjagd und ein unglücklicherweise in einen Bus mit Japanern eingestiegener Autist, dessen Mutter, eine überzeugte spanische Kommunistin, ihn verzweifelt sucht. Emmanuel Moynot meldet sich mit einem Comicroman einer Gattung zurück, die er gut kennt: dem Krimi. Diesmal mit der Adaption eines 2001 erschienen Romans von Jean Vautrin, der auf ironische Weise eine ganze Reihe genrebekannter Charaktere vereint: den rachsüchtigen Ex-Knacki, den erfolglosen Privatdetektiv, korrupte Polizisten und Politiker, aufreizende Frauen... Eine grafische Erzählung voller Spannung und Humor.

Kommentar:
Mit der Comicadaption von Vautrins Werk «Der Mann, der sein Leben ermordete» aus dem Jahre 2001, wird die Definition des Roman Noir auf das vortrefflichste erfüllt. Schräge Typen, Anarchie. Die vom Zeichner Moynots entworfene Szenerie greift die Stimmung des Romans treffend auf. Er versteht es, den Stil seines Vorbildes Jacques Tardi (vgl. Vorwort) phänomenal weiterzuentwickeln und der harten «Gangart» der Erzählung auch grafisch gerecht zu werden. So hält er sich nicht mit allzu vielen Details auf und scheut auch nicht grobe Schraffuren. Schon der Plot der Geschichte lässt die Verlierer in den Mittelpunkt rücken. Dieser Comic hat immer dann seine grossartigen Momente, wenn die Geschichte nachts, in der Dämmerung, im Regen, an heruntergekommenen Orten oder in miesen Hotels spielt. Als Krimi-Comic sehr empfehlenswert.








Mittwoch, 21. Mai 2014

Das Pelikan Protokoll (Band 3)

Ein Comic von Richard Marazano (Autor) und Jean-Michel Ponzio (Zeichnungen)














Klappentext:
Kann man die Auswirkungen einer Idee, oder noch besser das, was eine Idee entstehen lässt, voraussehen?

15 Personen von unterschiedlicher Nationalität, sozialem Milieu, Alter und Geschlecht verschwinden zur gleichen Zeit wie vom Erdboden. Sie werden auf einer Geheimbasis namens »Pelikan B« festgehalten, wo sie jegliches Identitätsgefühl verlieren und als Versuchskaninchen benutzt werden. Die für das streng geheime Projekt rekrutierten Wissenschaftler scheinen sich bei ihren Versuchsreihen vor allem für die unterschiedlichen Reaktionen der Probanden zu interessieren.

Ein spannendes SF-Psychodrama vom bewährten Gespann Marazano/Ponzio (»Der Schimpansenkomplex«).

Kommentar:
Die Experimente gehen weiter - doch wer glaubt, dass Band 3 des Pelikan Protokolls der Fragestellung der Wissenschaftler näher kommt, der irrt. Vom Informationsgehalt her hätten die jetzigen Ereignisse schon im ersten und zweiten Teil spielen können. Zwar wird dem Leser ein wenig Einblick in die Zielsetzung des Experiments gewährt. Gelegentlich fliessen unheilvolle Andeutungen ein, neue Entwicklungen gibt es aber kaum - und das ist ein grosser Schwachpunkt dieses Comics. Wie bei so vielen Mehrbändern wird die Geschichte künstlich gestreckt. Deutlich besser als die unbefriedigende Handlungsentwicklung sind die Illustrationen von Jean-Michel Ponzio, dessen Werke weiterhin mehr Fotografien als Zeichnungen ähneln. Die verschiedenen Personen sind durch die realistische Darstellung sehr gut zu unterscheiden. Der vierte und letzte Band gibt hoffentlich Auskunft über die Zusammenhänge des Experiments und soll sich in Bezug auf den Plot dringend steigern.






Wer ist hier die Mutter?

Ein Comic-Drama von Alison Bechtle (Text und Zeichnungen)













Klappentext:
Nach ihrem internationalen Bestseller »Fun Home«, in dem Alison Bechdel ihrem Vater nachspürte, erscheint nun ihre gewitzte, melancholische Abrechnung mit ihrer Mutter, die das Leben der Tochter bis heute bestimmt. Mit ihrer unverwechselbaren Kunst, Bilder und Worte gegeneinander zu setzen, pflügt Alison Bechdel das oft beackerte Terrain der Mutter-Tochter-Beziehung ganz neu um und ermöglicht einen vollkommen frischen Blick auf die erste Beziehung unseres Lebens.
»Ich kann dieses Buch nicht schreiben, wenn ich meine Mutter nicht aus dem Kopf kriege«, erzählt Bechdel ihrer Therapeutin. »Aber ich kriege sie nur aus dem Kopf, wenn ich dieses Buch schreibe.« Den komplexen Prozess, mit der eigenen Geschichte und den eigenen Eltern klarzukommen, zeichnet Alison Bechdel auf noch nie dagewesene Weise nach und auf. Sie bewegt sich dabei ebenso elegant auf den Spuren Virginia Woolfs wie in den Schriften des Psychoanlytikers Donald Winnicott, den sie gern als Mutter gehabt hätte. Kaum verwunderlich bei einer Mutter, die im echten Leben urplötzlich aufhört, die Tochter zu küssen, und immer auf Abstand bleibt. Fast jede Tochter hat ungeklärte Konflikte mit der eigenen Mutter, aber wenige sind dabei so ehrlich wie Alison Bechdel.
Autoreninfos:
Alison Bechdel wuchs im ländlichen Pennsylvania auf und zog nach ihrem Collegeabschluss nach New York. Dort begann sie 1983 die Comics Dykes to Watch Out For zu zeichnen, die zunächst monatlich in einer feministischen Zeitschrift erschienen. Heute werden ihre Comics vierzehntägig in mehr als fünfzig Zeitschriften veröffentlicht. 

Kommentar:
Schwere Kost und nicht einfach zum Lesen. Der komplexe Prozess einer umfassenden Psychoanalyse rundum eine Mutter-Tochter-Beziehung. Mit der eigenen Geschichte und den eigenen Eltern klarzukommen, zeichnet Alison Bechdel auf intensive Weise nach und auf. Sie bewegt sich dabei ebenso elegant auf den Spuren Virginia Woolfs wie in den Schriften des Psychoanalytikers Donald Winnicott, den sie gern als Mutter gehabt hätte.

Dieser Comic ist eine komplexe Mischung aus Therapie, Selbstanalyse, Gesprächsprotokollen und Erinnerungsarbeit, bei gleichzeitiger zeichnerischer Verarbeitung dieses Prozesses. Im Laufe der 300 (!), mit klarem feinen Strich gezeichneten Seiten wird klar, dass die in Vermont lebende Bechdel nie die ersehnte Anerkennung ihrer Mutter gewinnen kann. Nach Lesung dieses Werks bin ich mir nicht im Klaren ob die professionell aufgearbeitete Psychoanalyse sich überhaupt als Comicvorlage eignet. Ein Therapiebuch für Liebhaber.