Sonntag, 23. November 2014

Herr Lehmann

Ein Graphik Novel von Sven Regener (Text) und Tim Dinter (Zeichnungen)













Klappentext:
"Herr Lehmann" ist viel mehr als ein Roman - "Herr Lehmann" verkörpert das Lebensgefühl eines aus der Zeit gefallenen Berlins unmittelbar vor dem Mauerfall. Es ist eine ruppig-charmante und überschaubare Welt: Kreuzberg und die trinkfeste Lebensklugheit der Freunde um Frank Lehmann begeisterten über eine Million Leser. "Herr Lehmann" wurde zum Kult, Leander Haußmann verfilmte den Roman mit Christian Ulmen in der Hauptrolle. Jetzt endlich hat der Zeichner Tim Dinter daraus eine ganz besondere Graphic Novel gemacht - lässig, lakonisch, ein echter Lehmann eben.

Autoreninfos:








Sven Regener, 1961 in Bremen geboren, lebt in Berlin und ist Sänger, Texter und Trompeter der Band Element of Crime, die mit Alben wie "Damals hinterm Mond" und "Weißes Papier" große Popularität erlangte. Sein Debütroman "Herr Lehmann" stürmte auf Anhieb die Bestsellerliste. Mehr als 700.000 Kinobesucher sahen sich die Verfilmung dieses Bestsellers an. Für das Drehbuch erhielt Sven Regener 2004 den Deutschen Filmpreis in Gold. Mit "Neue Vahr Süd" konnte der Autor seinen sensationellen literarischen Erfolg fortführen.

Kommentar:
Im Jahr 2001 erschien mit «Herr Lehmann» das erste Buch des zuvor hauptsächlich als Musiker tätigen Sven Regener. Eine eigentliche Geschichte wird eher nicht erzählt. Herr Lehmann driftet planlos aber durchaus glücklich durch die Kneipenszene West-Berlins und wundert sich, dass ihn alle «Herr Lehmann» nennen aber duzen. Jetzt liegt auch eine Comic-Adaption dieses Buches vor. Der Comic besticht durch seine schwarz-weisse Schlichtheit. Die Figuren wurden simpel aber jederzeit wiedererkennbar gehalten und gelegentlich gibt es auch leicht verwaschen wirkende Bildhintergründe zu sehen. Diese zurückhaltende Grafik ermöglicht einen «klaren» Blick auf Regeners Buchgeschichte.


Das Buch wurde zu einem Erfolg, von Leander Haussmann verfilmt und ist als DVD in der Freihandbibliothek erhältlich. Apropos: Liebe und Verliebtheit im Comic funkeln stärker als im Kinofilm.






Montag, 10. November 2014

Die Rückkehrer, wenn der Krieg im Kopf nicht endet

Ein Graphik Novel von Maël (Zeichnungen) und Olivier Morel (Text)













Klappentext:
Olivier Morel ist ein französischer Filmemacher, der sich in seiner Arbeit oft mit dem Krieg und seinen Folgen für die einzelnen Soldaten auseinander gesetzt hat. In diesem Comic folgt er amerikanischen Veteranen des Irakkriegs und zeigt, welche enormen Schwierigkeiten sie haben, sich wieder in den Alltag ihrer Heimat einzugliedern. Viele leiden unter einem post-traumatischen Belastungssyndrom (PTBS), das auch bei vielen Bundeswehrsoldaten diagnostiziert wird, wenn sie von ihren Auslandseinsätzen zurückkehren. Ein beklemmend aktuelles Thema, das uns besonders 2014, dem Jahr des Rückzugs aus Afghanistan, beschäftigen wird.

Kommentar:
Auf der Grundlage der Vorarbeiten zum Film und dem Film selbst beruht die Graphic Novel «Die Rückkehrer». Gemeinsam mit dem französischen Comic-Zeichner und -Autor Maël hat Morel ein tolles Werk erschaffen, das den Film, wie ich gelesen habe, vielleicht sogar noch in den Schatten stellt. Diese Graphic Novel spricht ein wichtiges Thema an, das in unserer Gesellschaft noch stärker berücksichtigt werden sollte. Die gute zeichnerische Umsetzung kann einen Anstoss dazu liefern und vielleicht gerade jüngere Menschen zu einer Auseinandersetzung anregen.

Handlungen und Gespräche, die in der Gegenwart stattfinden, sind ausnahmslos schwarz-weiss gehalten. Sobald sich aber Gegenwart und Vergangenheit vermischen oder sich die einzelnen Personen an bestimmte Ereignisse erinnern, sind die Bilder in einem rotbraunen Ton gehalten. Gerade diese Bilder geben einen Einblick in die Gedanken der Veteranen. Dass diese Bilder den Betrachter in besonderer Weise berühren, liegt auch an der guten Arbeit des Zeichners. Meiner Meinung nach schafft es Maël sehr gut, die Stimmung der Situationen und die Gefühle der Protagonisten in den Bildern wiederzugeben. Die variierende Anzahl und Grösse der Panels auf den einzelnen Seiten sorgt für Abwechslung, hebt aber auch wichtige Punkte innerhalb der Erzählung besonders hervor.




Gleisdreieck

Ein Graphiknovel von Jörg Ulbert (Text) und Jörg Mailliet (Zeichnungen)













Klappentext:
Berlin 1981: Die Stadt ist geprägt von Gegenkulturen und Kaltem Krieg. Hier kreuzen sich die Wege eines Polizisten und eines Terroristen. Der erste hat den Auftrag, den anderen zu finden und zu stoppen. Der zweite bereitet eine Entführung vor, von der er hofft, dass sie mehr Gleichgesinnte mobilisieren wird als seine vorangegangenen Aktionen ... Diese atmosphärisch gestaltete und bis ins Detail recherchierte Graphic Novel erschien zuerst in Frankreich bei Des ronds dans l'O - jetzt inklusive Playlist (von Fehlfarben bis Joy Division) und Erläuterungen zum politisch-historischen Kontext endlich auch auf deutsch.

Autoreninfos:

Jörg Ulbert
Ulbert, geboren 1967 in Berlin-Charlottenburg, studierte Geschichte und Romanistik an der FU in Berlin sowie der Pariser Sorbonne mit anschließender Dissertation in Marburg. Seit 1999 ist er als Lehrbeauftragter für Geschichte an der Université Bretagne-Sud in Lorient, Frankreich tätig. Nach zahlreichen Veröffentlichungen zur Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen und zur Geschichte der Diplomatie in der Frühen Neuzeit ist «Gleisdreieck - Berlin 1981» sein erster Comic.

Jörg Mailliet
Mailliet (Jahrgang 1970) wurde zwar im französischen Toulon geboren, verbrachte aber seine Jugend in West-Berlin. Später studierte er Grafik Arts an der Ecole Emile Cohl in Lyon. Seit 1995 ist er als freier Zeichner und Illustrator für Werbung und Presse aktiv und veröffentlichte zudem zahlreiche Kinderbuch-Illustrationen. Der Mitbegründer des Kinderbuchverlags «Le Buveur d’Encre» legt mit «Gleisdreieck - Berlin 1981» bereits seinen zweiten Comic vor.

Kommentar:
«Gleisdreieck», ein starkes Politdrama in Bildern, hilft dem Leser, sich sofort in die 1980er zu versetzen, wohlgemerkt in die Anfänge dieses einerseits so unauffälligen, andererseits jedoch ereignisreichen Jahrzehnts, an dessen Ende der Beginn der Auflösung der DDR stand. Die Stimmung und das Leben zu dieser Zeit in dieser Stadt werden schon durch die Farben und Zeichnungen sehr gut eingefangen und wiedergegeben. Die geteilte Grossstadt mit abgewrackten Häusern, an denen selbstgebastelte Spruchbänder hingen, mit Stadtbezirken, die so verfallen und düster waren, dass man sie lieber nicht betreten wollte und mit einer U Bahn, die durch dunkle Tunnels fuhr ohne an den Bahnhöfen in Ost-Berlin anzuhalten.  Auch wenn die Bilder teilweise etwas dunkel sind und die Schrift etwas schwer entzifferbar (zumindest für mich älteres Semester) hat mich das Buch begeistert und in die 1980er katapultiert, in die Anfänge meiner politischen Bewusstseinsbildung. Allein schon wegen dieser gekonnten Art, Berlin darzustellen, würde ich dieses Buch jedem empfehlen.





Sonntag, 2. November 2014

Doppelgänger – das doppelte Böse

Ein Comic von Eric Corbeyran (Text) und Christophe Bec (Zeichnungen)













Klappentext:
Als Germain Maltret am Telefon vom Tod seiner Mutter erfährt, wird er nicht gerade vom Schmerz übermannt. Dennoch geht er eine Woche später zu ihrem Begräbnis, das eines der verstörendsten Ereignisse seines Lebens werden soll. Nicht nur, dass er dort einer jungen Frau begegnet, die als Medium agiert und mit ihm auf geheimnisvolle Weise verbunden zu sein scheint… Überdies erscheint urplötzlich vor dem Grab seiner Mutter ein Mann, und dieser Mann ist er selbst! Von dieser Vision gefesselt, bleibt Germain etwas länger als geplant in der Gegend. Ein spannender Mysterythriller vom Starduo Corbeyran/Bec, der uns mit einer Reihe übersinnlicher Phänomene in Atem hält.

Autoreninfos:
Eric Corbeyran (*1964) ist ein Comic-Autor aus Marseille. Er ist einer der produktivsten Autoren in der Comic-Branche.

Christophe Bec (*1969 in Rodez), ist ein Französisch Comic-Autor. Von Ihm sind u.a. erschienen: Absolute Zero, Sanctuary (von Xavier Dorison geschrieben), Bunker (Co-Autor mit Stephen Betbeder) oder Prometheus. Christophe Bec ist auch der Autor der Pandemonium Serie, Sarah und Under, das er für die italienische Designer Stefano Raffaele geschrieben hat.


Kommentar:

Dieser Comic ist geprägt vom lauernden, unsagbaren und kaum greifbaren Bösen. Motive, die Christophe Bec gerne in seinen Comics aufgreift. Auch in «Doppelgänger» ist davon vieles vorhanden, wenn auch nicht so ausgeprägt. Hier präsentiert uns Bec eine feine Geistergeschichte, zu der er die Idee und die Zeichnungen lieferte. Zwar wird allerlei Hokuspokus veranstaltet, aber die Story ist sauber konstruiert und bekommt durch die realistischen Zeichnungen eine ernste Dimension. Vor allem zu Beginn geschehen fern der eigentlichen Handlung, immer wieder seltsame Dinge: Scheiben zerbersten, ein Brunnen färbt sich blutrot, Tiere sterben. Dinge, die unkommentiert und unerklärt bleiben. So wird der Leser motiviert, am Ball zu bleiben und neugierig weiter zu lesen. Es kommt zum Showdown, die Geschehnisse klären sich auf, Ruhe kehrt wieder ein. Obwohl ich kein Fan vom Mystikgenre bin, hat mir die Story gefallen, vermutlich auch weil sie sehr gut gezeichnet ist.